Im Wald ist auch der Tod ästhetisch

Letzte Ruhe unter Buchen und Eichen: Waldbestattungen

damo Friesenhagen. Im Wald ist auch der Tod ästhetisch: Das ständige Kommen und Gehen ist Teil des ewigen Kreislaufs der Natur. Auf einer alten Wurzel wuchert das Moos, und neben einem umgestürzten Baum strebt eine Brombeerranke der Sonne entgegen: Sinnbilder des Unvergänglichen, weil immer Neuen. Und diese Bilder sind auf ihre eigene Weise schön – so schön, dass immer mehr Menschen dort ihre letzte Ruhe finden wollen. Folgerichtig ist seit einigen Jahren in Deutschland die Waldbestattung auf dem Vormarsch. Auch im Kreis Altenkirchen gilt: Unter allen Wipfeln ist Ruh – im RuheForst Wildenburger Land.

Dort, im malerischen Crottorfer Wald, bieten die Gemeinde Friesenhagen und die Hatzfeldt’sche Forstverwaltung im Schulterschluss Grabstätten an. Alte Eichen, Buchen, Lärchen und Fichten prägen das Bild, die Bäume stehen locker, viel Licht fällt auf den Waldboden, auf dem längst jüngere Bäume und Sträucher nachwachsen. Man sieht dem Crottorfer Wald auf den ersten Blick an, dass er seit vielen Jahren nach den Prinzipien des naturnahen Waldbaus bewirtschaftet wurde.

Seit er vor rund fünf Jahren zum RuheForst wurde, ist jegliche forstwirtschaftliche Nutzung tabu: „Oberste Priorität: Alles wird erhalten, wie es ist“, berichtet Revierförster Norbert Saur. Seit 30 Jahren ist der Crottorfer Wald sein Revier. Saur kennt hier jeden Baum, und so ist er der Ansprechpartner für alle, die sich für den RuheForst interessieren. Und das werden immer mehr, sagt der Förster und verweist auf die Prognosen von Marktforschern: Demnach wird die Waldbestattung in Deutschland in einigen Jahren als ganz alltägliche Bestattungsform etabliert sein.

120 Hektar des Crottorfer Waldes fallen unter das Friedhofsrecht; bislang werden drei davon als Bestattungsfläche genutzt. Aber der Raum, auf dem Grabstätten ausgewiesen werden, wird stetig wachsen: Schon jetzt finden sich dort Grabstätten für mehr als 7000 Menschen – mal ist es ein Wurzelstock, mal eine Gruppe junger Bäume, dann wieder ein alter und imposanter Solitärbaum.

Für den Trend zur Waldbestattung gibt es viele Gründe – der wichtigste: „Die Menschen, die eine Grabstätte suchen, suchen etwas für das Leben und nicht für den Tod“, erklärt Saur. Angehörige von Verstorbenen wünschen sich eine Stelle, von der sie wissen, dass sie gerne zum Trauern herkommen werden. „Der Wald gibt Geborgenheit“ meint Saur: „Hier fühlt man sich behütet, und diese Atmosphäre ist vielen Menschen eine Stütze, gerade in einer schweren Zeit.“

Aber nicht nur Angehörige wählen eine Grabstätte im Wald aus: Jedes dritte veräußerte RuheBiotop fällt in die Kategorie „Vorsorgekäufe“. Mit anderen Worten: Menschen suchen sich – oft mitten im Leben – schon frühzeitig ihre letzte Ruhestätte aus. Auch für sie, meint Saur, sei der Gedanke tröstlich, den Angehörigen eine Anlaufstelle zu bieten, die mit viel Positivem besetzt ist. „Manche wollen auch einfach eine Stelle, an der es wirklich ruhig ist“, nennt er eine weitere Antriebsfeder für die Waldbestattung. Und wieder anderen gefalle es, „dass im Wald das Sterben als etwas völlig Normales empfunden wird“ erklärt Saur: „Hier ist das Kommen und Gehen ein selbstverständlicher Prozess.“ Alle RuheBiotope sind schließlich auch Lebensräume: Hier hat nicht nur die Urne ihren Platz – hier zwitschern Vögel, flitzen Eichhörnchen die Stämme hinauf, ranken Pflanzen zum Licht.

Wie die eigentliche Bestattung der Urne verläuft, liegt ganz bei der Trauergemeinde: „Ob mit Geistlichem oder ohne, mit Trauerredner oder im engsten Familienkreis, ob an der Andachtsstelle oder in der Kapelle auf dem Schnabelberg: Das ist den Familien freigestellt.“ Eines aber ist strikt reglementiert: Nur eine schlichte Messingplatte zeigt die Grabstätte an, jeglicher Grabschmuck ist verboten. Denn der Wald soll Wald bleiben – denn genau darin liegt ja sein Zauber.

Siegener Zeitung, Samstag 09. Juli 2011

Beitrag drucken Beitrag drucken Beitrag versenden Beitrag versenden
Schriftgröße: A A A